
DNN 29. 11. 2005
Wenn die anderen nicht sind, wie sie angeblich sind
Europäische Kommunikationsversuche an geschichtsträchtigem Ort • mehr
Das Jugendtheaterprojekt WERKSTATT EUROPA traf sich im polnischen Krzyzowa
Eigentlich war nur die Bettenverteilung problematisch. Die vorgeschlagenen "Zwangsgemeinschaften" von je vier
Jugendlichen aus den vier am Projekt beteiligten Ländern wurden durch nächtliches Matratzenschleppen unterlaufen,
aber mitnichten blieb man "ländermässig" unter sich. Die meisten der Schüler zwischen 12 und 16 Jahren aus Deutschland,
Schottland, Tschechien und Polen kannten sich seit dem Herbst 2004, als das für zwei Jahre geplante Projekt WERKSTATT
EUROPA gestartet wurde, und hatten bei zwei Workshoptreffen und einem Theaterfestival bereits vielfältige Begegnungen
hinter sich. Nur wollte keiner ganz allein sein in seiner Sprache, und so lag man dann zu fünft oder sechst in den
Vierbettzimmern des Europäischen Jugendbegegnungszentrums im polnischen Krzyzowa, und war schon mitten drin im Thema,
nämlich den Visionen eines zukünftigen Europa.
Auf dem Gut der von Moltkes in dem kleinen schlesischen Dorf Kreisau in der Nähe von Wrozlaw hatte sich 1942 und 43 der
sogenannte "Kreisauer Kreis" getroffen - ein loser Zusammenschluss von Deutschen, die vor allem die Ablehnung des
Nationalsozialismus einte, und die sich trafen, um politische und geistige Grundsätze für ein Nachkriegsdeutschland
innerhalb eines geeinten Europa zu entwerfen. Integrationsfigur der Gruppe von mehr als zwanzig Menschen aus allen
Schichten der Gesellschaft war Helmuth James von Moltke, der Anfang 1945, auch im Zusammenhang mit dem Attentat auf
Hitler vom 20. Juli 1944, mit einigen anderen Mitgliedern der Gruppe hingerichtet wurde.
Ende der 80er Jahre engagierte sich eine internationale Bürgerbewegung für diesen geschichtsträchtigen Ort, die
Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung wurde gegründet, und es entstand durch vielfältiges, auch internationales
Engagement eine Gedenkstätte und die Internationale Jugendbegegnungsstätte Kreisau. Die Tradition eines von den
"Kreisauern" vorgelebten offenen Dialoges über ein Europa ohne Chauvinismus, Nationalismus und von Ideologie beherrschten
Machtstrukturen wurde auf diese Weise wieder aufgenommen.
Kommunikation war auch ein zentrales Thema dieses Treffens, mit dem sich die 60 Jugendlichen in vier national gemischten
Workshops auseinandersetzten. Auch wenn gerade das Theater sehr vielfältige Möglichkeiten nonverbaler Kommunikation bietet,
war es ein Ziel der RegisseurInnen aus Prag, Glasgow, Warschau und Dresden, die Sprache ganz bewusst als Ausdrucksmittel
einzusetzen. Bei der abschließenden Präsentation der Workshopergebnisse wurde denn auch über den polnischen Monolog
eines Gestrandeten, der sich sein Frühstück von "zu hause" erträumt, genauso gelacht wie über die englisch vorgebrachten
neuen Regeln eines Landes Utopia, die sich nach Prüfung in der (Bühnen)wirklichkeit als äußerst reformbedürftig
herausstellten. Die vielsprachig formulierten individuellen Träume, etwa von einer Zukunft als Popstar, oder auch nur
davon, ununterbrochen schlafen zu können, wurden ebenso begeistert beklatscht wie die Verdrehung bekannter Vorurteile
in einer improvisierten Inselsituation, wo der Pole die Jacke des besoffenen Deutschen ordentlich auf Kante legte,
während die Schottin mit dem geklauten Portemonnaie das Weite suchte. Die Freude darüber war sozusagen grenzenlos.
"Das ist richtig Arbeit" beschrieb eine Schülerin aus Dresden diese Woche mit sechs Stunden Workshop täglich,
Diskussionsrunden, und solchen zusätzlich zu klärenden Fragen wie: wer geht zuerst duschen? Und wenn die Worte
tatsächlich nur noch zu Missverständnissen führten und die Dolmetscher gerade woanders übersetzten, wurde der
Sprachersatz mit Händen und Füßen zum alltäglichen Theater.
Das Projekt, das vom TJG Dresden und mit maßgeblicher Unterstützung der Jürgen Ponto-Stiftung initiiert worden ist,
findet nach einem weiteren Treffen im Frühjahr in Glasgow seinen Abschluss beim YoungEuroTheatreLaboratory
im Sommer 2006 in Dresden. Das Treffen in Kreisau wurde außerdem unterstützt von der bundesdeutschen Stiftung
"Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".
Caren Pfeil
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SZ 21. 11. 2005
Unterschiedlich möchte man gar nicht sein
• mehr
Theater-Nachwuchs. Schüler aus vier Ländern proben in Kreisau für die „Werkstatt Europa“
Stellen sie sich bitte vor, Sie wären eine Gruppe Schiffbrüchiger und hätten nur ein Boot, das die Hälfte von
Ihnen von der Insel bringen könnte. Wie würden sie auswählen wer bleiben muss. Den Schülerinnen und Schülern
aus vier Ländern im Workshop bei Simone Neubauer ist diese Problem als eines unter vielen aufgegeben. Im
schlesischen Krzyzowa im ehemaligen Gut Kreisau wird geprobt, eine Woche lang, bis zum vergangenen Sonnabend.
Wegen des Bootes wird da um Plätze geworben, geknobelt, gerungen. Stein, Schere, Papier, ein Balanceakt auf
dem Dollbord. Manches gerät leicht und ungeniert. Anderes kommt ins Spiel, ohne dass es den jungen
Schauspielern bewusst wird. Hier könnte es Differenzen geben, warum wer was darstellt. In den Osten Europas
kommt Popkultur später. Im Westen ist der Glaube verschwunden. Drei Dresdner trällern eine Arie, die polnische
Jugend summt „Bruder Jakob“, zwei Mädchen aus Schottland deuten einen Tanz an. So unterschiedlich möchte man
gar nicht sein. Die Tschechen sind leider krank. Dieser Workshop ist Teil der „Werkstatt Europa“, die von der
Jürgen Ponto-Stiftung zur Förderung junger Künstler und dem Theater Junge Generation getragen wird. Die Proben
bereiten das europäische Jugendtheatertreffen im Juli kommenden Jahres vor. Das Treffen will Vorstellungen der
Schüler über die Zukunft in vier Inszenierungen, einem „Museum der Rituale“ und Aktionen in der Dresdner
Innenstadt zusammenführen. Ideen beherbergen, nennt Neubauer das. Sie ist Regisseurin der deutschen Inszenierung
und künstlerische Leiterin des Projektes. Sie sammelt bisher. Wie ihre Kollegen von professionellen Theatern
in Warschau und Glasgow sowie der Prager Akademie der Künste auch, die eigene Workshops leiten, Inszenierungen
entwickeln.
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Zweimal siegt die Gleichheit
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Sie ist wie diese dabei, mit den Schülern die Möglichkeiten des Schauspiels zu entdecken. „Ich will ihnen die Mittel
in die Hand geben, die sie brauchen, um das zu erzählen, was sie erzählen wollen. Und es dann so zu erzählen, dass es
der Zuschauer nachvollziehen kann.“
Das verlangt den Theaterprofi. Die Schüler wollen am liebsten sich selber spielen. Eine Welt der Möglichkeiten
reicht aber über ihren Alltag hinaus. Manches Handwerk geht leichter ein. Neubauers Bitte, doch in den jeweiligen
Landessprachen zu agieren, wird tags darauf ohne Mahnung erfüllt. Wie bestrickend komisch können manche Varianten
sein, wie strickt die Gesten der jungen Schauspieler, wenn sie sich als Regisseure begreifen. Und Sie meinen,
dort in Krzyzowa, Sie denken an den Kreisauer Kreis, dürfte Zivilcourage in den Szenen ihren Platz finden?
Ja, die Schüler sind beeindruckt. Ihre Courage trägt einen verblüffenden Akzent. Die Mannschaft des Bootes
wird einmal sprichwörtlich ausgewählt. Zweimal siegt die Gleichheit, ohne jemanden gerettet zu haben: Die
Losgewinner lassen ihr Boot löchrig sein und schwimmen zurück. Die Balancierer auf der Bordwand, damit
alle mitkommen, sind zuviel. Der Kahn kentert.
Das YoungEuroTheatreLaboratory findet vom 25. Juli bis 5. August 2006 in Dresden statt
Uwe Salzbrenner
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DNN 03. 07. 2005
Die Kreatur verschwindet unterm Konsum
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Theatralische Bestandsaufnahmen aus Glasgow, Prag, Warschau und Dresden in Prag
"Wir wollen alle zusammen wohnen" war der am häufigsten formulierte Wunsch der 52
Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren aus vier Ländern, die sich im Rahmen des
zweijährigen Theaterprojektes WERKSTATT EUROPA Ende Juni für eine Woche in Prag
trafen, um sich ihre Inszenierungen vorzustellen: theatralische Bestandsaufnahmen
der eigenen nationalen Identität in einem Europa, das einmal ihr gemeinsames Haus
sein soll. Hintergrund des Wunsches nach engerer Wohngemeinschaft für die im 2.
Projektjahr folgenden Treffen im polnischen Kreisau und im Sommer 2006 in Dresden
war die Tatsache, dass die Gruppen aus Deutschland, Polen und Großbritannien in einem
Wohnheim am Rande der tschechischen Metropole untergebracht waren, während die
tschechischen Kinder in ihrer Schule in der Nähe des Zentrums schliefen, in der außerdem Workshops
und Gespräche stattfanden.
In dem vom Dresdner Theater Junge Generation und der Jürgen Ponto - Stiftung initiierten
europäischen Begegnungs- und Theaterprojekt kooperieren in vier europäischen Städten
jeweils eine Schule mit einem professionellen Theater, bzw. in Prag mit der Prager Akademie
der Künste, deren Absolventin, die Theaterlehrerin der Schule Hana Šimonova, auch das
tschechische Stück inszenierte. Die polnischen Schüler aus dem Ort Legionowo, etwa 20 km
von Warschau und dem dortigen Theater "Konsekwentni" entfernt, hatten weitere Wege zurückzulegen,
um unter der Leitung des Regisseurs Adam Sajnuk erste Theatererfahrungen zu sammeln, während
in Glasgow erst sehr spät mit der Arbeit begonnen wurde, da die Finanzierung ungeklärt war, –
die nationalen Inszenierungen werden von den jeweiligen Ländern getragen. Das TJG hat mit internationalen
Jugendprojekten bereits Erfahrung, ebenso wie die künstlerische Leiterin Simone Neubauer, die die
Jugendlichen zugleich fordernd und mit viel Verständnis zu theatralischem Ausdruck befähigen konnte.
Das Dreikönigsgymnasium erwies sich als begeisterungsfähiger Partner, der die Dresdner Premiere
außerdem durch eine Ausstellung zum Thema "Grenzen" begleitet hatte.
Nach zwei Treffen im vergangenen Jahr in der Nähe von Dresden bzw. Warschau, bei denen es neben dem
Kennen lernen um gemeinsames Ausprobieren von Theatertechniken ging, war Prag ein kleines Festival:
vier Inszenierungen in vier Sprachen, mit deutlich erkennbaren Elementen aus den verschiedenen
Theatertraditionen. Die tschechische Gruppe hatte sich mit dem Theaterstück "Aus dem Leben der
Insekten" von Josef und Karel ?apek ganz bewusst einen nationalen Stoff als Grundlage ihres Spiels
mit wenig Worten, viel Musik und tänzerischer Bewegung ausgesucht, das sich sehr allgemein mit
dem Thema: "Was ist der Mensch?" auseinander setzte. Die deutsche Gruppe überzeugte mit der
kraftvollen Collage "Ich will ja", aus verschiedenen literarischen und eigenen Texten und pointiert
eingebauten Alltagsszenen, die das Warten auf das "wirkliche Leben" zum Zentrum hatte. Typisch
deutsch – empfanden manche ob der vielen Worte, aber die jungen Dresdner Spieler waren in ihrem gestischen
Ausdruck und ihrer Emotionalität so intensiv, dass vor allem die Jugendlichen aus Schottland begeistert
waren und - verstanden. Deren Inszenierung in der Regie von Keiran Gillespie von der Collusion Theatre
Company war großes dynamisches Theater mit Musik, Lichteffekten, Projektionen und Gruppenarrangements,
das die Erfahrung von Freiheit und Reglementierung, von äußeren und inneren Grenzen in groß angelegten
szenischen Bewegungsabläufen darstellte. Die Warschauer Inszenierung widerum war Bildertheater pur:
fast ohne Worte, fast durchgehend mit Musik unterlegt, hatten die polnischen Jugendlichen Bilder von
eindringlicher Rätselhaftigkeit erfunden, die das Leben eines Menschen als Abfolge von Verbiegungen,
Verletzungen und Fremdbestimmung darstellten, gipfelnd in einer Orgie mit Konsumartikeln, die der Kreatur
so lange aufgeklebt wurden, bis sie ganz darunter verschwunden war.
Neben den Unterschieden im theatralischen Ausdruck wurde in allen Inszenierungen eine kritische
Sicht auf die Wirklichkeit, in der sie leben, deutlich, aber auch eine starke Sehnsucht nach
Anerkanntsein und Zugehörigkeit. Wenn das Projekt in seinem zweiten Jahr die Utopie von einem
zukünftigen Europa thematisiert, und das Sommercamp 2006 in Dresden seine Türen auch für Dresdner
und andere Gäste öffnet, könnte ein Entwurf von Gemeinsamkeit erlebbar werden.
Caren Fischer
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SZ 11. 05. 2005
Befreiungsschlag auf offener Bühne
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Projekt Werkstatt Europa führt Theater spielende Schüler aus vier Ländern zusammen –
morgen hat die deutsche Inszenierung Premiere
„Typisch deutsch ist, dass wir viel jammern“, meint Vilma und davon wird sie auch auf der Bühne erzählen. Die 15 jährige
Schülerin macht beim Theater- du Begegnungsprojekt Werkstatt Europa mit, bei dem Schüler aus vier Ländern Inszenierungen
erarbeiten und sie sich dann gegenseitig vorstellen. Initiator der Werkstatt Europa, die von der Jürgen-Ponto-Stiftung
unterstützt wird, ist das Theater Junge Generation (TJG). Die teilnehmenden Jugendlichen kommen aus Glasgow, Warschau,
Prag und Dresden.
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Selbstbewusstsein stärken
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So konnten seit September vergangenen Jahres Schüler des Dreikönigsgymnasiums dabei erlebt werden, wie sie stritten,
schrieben und probten. Zuletzt natürlich nur noch probten, denn die Szenecollage mit der sie an der Werkstatt Europa
teilnehmen, steht – am Donnerstag erlebt sie ihre Dresdner Premiere.
Sie erzählt von der Sicht junger Menschen auf
unsere Wirklichkeit. Unter der künstlerischen Leitung von Simone Neubauer, Theaterpädagogin und Dramaturgin am Theater
Junge Generation, gingen sie der Frage nach, was es für sie heißt, Deutsche zu sein. „Beim ersten Treffen waren wir
30, 40 Leute“ erzählt Maurizio, „übrig geblieben sind dann wir 17.“ Die Erarbeitung einer Inszenierung ist harte
Arbeit. Einmal in der Woche, an den Wochenenden, Feiertagen traf man sich. Da blieben nur die bei der Stange, denen
das Projekt wirklich wichtig war. Doch die sind jetzt mit Feuereifer und Spiellust und auch Neugier dabei. Bei der
Erarbeitung der Collage – verwendet wurden Gedichte und auch eigenen Texte – erfuhren die Jugendlichen manches über
sich. „Natürlich kamen als Themen Sehnsucht nach Freundschaft, Liebe, Abenteuer. Das wird international sein“, meint
Simone Neubauer. Ein bisschen verwundert war sie, dass Dinge wie Politik, Anderssein, Mobbing zunächst kaum angesprochen
wurden. „In Gesprächen fand ich heraus, dass heute wohl viel Mut dazu gehört, sich so zu geben, wie man ist.“
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Neugier auf das Fremde
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Maurizio bestätigt dies, als er von seiner größten Angst spricht, nicht angenommen zu werden. Auch die anderen sprechen
davon, dass sie unter dem Druck stehen, Erwartungen nicht enttäuschen zu wollen.
Jetzt, beim Spiel, ist bei den meisten
Selbstbewusstsein zu erkennen. Ein Satz auf der Bühne wie „Ich muss immer alles richtig machen!“ kann etwas Befreiendes
haben, denn so kann er plötzlich in Frage gestellt werden. „Ob das den Schülern aus Polen, Tschechien, Schottland auch
so gegangen ist? Und überhaupt: Welche Probleme werden angesprochen? Wie sehen sie ihr Land?“ fragt sich nicht nur
Friederike. Ende Juni, nach dem Treffen in Prag werden sie alle mehr wissen. Simone Neubauer kennt die Themen der
anderen: „Wir werden uns gut ergänzen.“ Sie ist sich sicher, dass durch dieses Projekt auch Grenzen abgebaut werden.
Monika Dänhardt
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DNN 14. 05. 2005
Warten auf das Leben
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Der deutsche Beitrag zum Vier-Länder-Projekt Werkstatt Europa am TJG
17 Jugendliche skandieren: Das ist Deutschland - und noch viel mehr. Hoffentlich, denke ich. Denn was ich erfahre von
Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Dreikönigschule, die sich spielerisch auf die Suche gemacht haben nach ihrer
deutschen Wirklichkeit, ist beängstigend wenig. Sie wollen was machen, und wissen nicht was. Sie warten, dass man
ihnen ein Angebot macht. Sie zappen sich durch das Kinder- und Vorabendprogramm. Sie spielen ihren Alltag, wo die
Menschen hetzen, keine Zeit haben, meistens nicht freundlich sind, und vor allem eines lieben: ihr Auto. Aus der Leere
heraus, die sie nicht nur spüren, sondern auch selbstironisch kommentieren, entsteht dann doch noch was, nämlich
Sehnsucht. Sie könnten fliegen, wenn sie es nur wollten, reden sie sich ein, und machen Flugversuche. In komisch-
skurrilen Verrenkungen versuchen sie auf unterschiedliche Weise, vom Boden abzuheben. Ein berührendes Bild für
ihre Situation: sie kleben am Boden, an ihrer engen, kleinen Wirklichkeit ohne Visionen.
"....und wenn wir nun nicht gebrütet werden?" fragen sie mit einem Text von Günter Grass in ihrer Collage "Ich will Ja",
für die sie Gedichte und Liedtexte ausschließlich deutscher Autoren ausgesucht, und miteinander und mit den eigenen
Worten zu einer kraftvollen, dynamischen Szenenfolge verwoben haben. Meistens reagieren sie als Gruppe, - sehr gekonnt
ihr chorisches Sprechen -, aus der heraus aber auch individuelle Reaktionen und Dialogszenen entstehen. Aber nicht
die Welt, nicht Politik, nicht berufliche Träume werden thematisiert, dafür die Suche nach einem Freund um so
nachdrücklicher, "der mich versteht und so akzeptiert, wie ich bin". In dieser Szene trauen sie sich, formulieren
ihre Angst, nicht angenommen zu werden, zu enttäuschen, zeigen das Gefühl, überfordert zu sein von den Erwartungen
der Erwachsenen, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, welchen Platz sie selbst in dieser Wirklichkeit
Deutschland einnehmen könnten.
Die 13 Schülerinnen und 4 Schüler zwischen 13 und 16 Jahren haben seit dem Herbst letzten Jahres mit der Regisseurin
Simone Neubauer, die auch künstlerische Leiterin des gesamten Projektes ist, gearbeitet. Im Reden, im Denken,
zunehmend im Spielen haben sie erkundet, was es für sie heißt, Deutsche zu sein, haben etwas von sich erfahren
und gelernt, was sie denken und fühlen, auch auszudrücken. Ihnen erlebbar zu machen, dass das, was sie denken,
etwas wert ist, war wohl die größte Herausforderung, beschreibt S. Neubauer den Prozess.
Die Bühne ist ein leerer Raum, einziges Requisit für jeden ein weißer Klappstuhl, der zum sitzen und durchkriechen,
als Auto oder als Schutzschild dienen kann. Am Schluss stellen sie damit eine Reihe auf, die mit einem einzigen
Impuls und einem schönen lauten Klatsch zu Boden rauscht. Dann überspringen sie die entstandene Linie wie
eine Grenze und stehen verunsichert im Neuen. Und jetzt?
Das zweijährige Theater- und Begegnungsprojekt WERKSTATT EUROPA ist eine Initiative des Theaters Junge Generation und
der Jürgen Ponto-Stiftung zur Förderung junger Künstler, die das Gesamtprojekt ganz wesentlich unterstützt. Mit den
Partnern aus Polen, Tschechien und Großbritannien, wo auch jeweils eine Schule mit einem professionellen Theater
kooperiert, wurde das Projekt im September 2004 gestartet. Bei bisher zwei gemeinsamen Treffen konnten sich die etwa
70 beteiligten Jugendlichen kennen lernen und miteinander Theater spielen. Ziel des ersten Projektjahres sind vier
Inszenierungen, in denen sie sich jeweils mit der "Welt der Wirklichkeiten" in ihrem Land auseinandersetzen.
Im Juni 2005 werden sie sich in Prag ihre Arbeitsergebnisse gegenseitig vorstellen, und in Workshops und Gesprächen
auf die zweite Runde vorbereiten. Dann lautet das Thema die "Welt der Möglichkeiten". Wie sollte das gemeinsame
Haus Europa aussehen, wenn sie es bauen könnten? In einem Sommercamp während des Dresdner Stadtfestes 2006 wollen
sie 10 Tage lang gemeinsam Dresden bespielen, und auf ihre Weise Möglichkeiten eines vereinten Europa ausloten.
Im Foyer des Theaters ist noch für eine Woche die Ausstellung "Grenzgänger - offen für Europa" zu sehen -
ideenreiches Ergebnis einer Projektwoche des Gymnasiums Dreikönigchule.
Caren Fischer
Letzte Möglichkeit, "Ich will ja" zu sehen am 16. Juni 2005, 19. 30 Uhr im TJG
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DNN 21. 09. 2004
Wie es ist und möglich wäre
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Europäische Theaterwerkstatt für Schüler startet im TJG
Entschieden über Anstrich und Ausgestaltung des „Hauses Europa in der Stadt Welt" haben Kinder und Jugendliche nicht,
doch werden sie sich mit den Konstruktionen älterer Generationen auseinander setzen und deren Folgen tragen müssen.
Was der Nachwuchs tut, um Wörter wie Globalisierung, Europäische Verständigung, Heimat oder Wurzeln mit eigenen
Vorstellungen und Hoffnungen zu füllen und Alternativen zu finden, scheint auf der Hand zu liegen und ist
dennoch exemplarisch. Er spielt und macht über zwei Jahre lang Theater, und das gleich in vier europäischen
Häuserecken an je einem Theater in Prag, Warschau, Glasgow und Dresden nämlich.
Das internationale Theater- und Begegnungsprojekt Werkstatt Europa - Von Wirklichkeiten und Möglichkeiten" fand am
vergangenen Wochenende im Theater Junge Generation unter der Leitung von Theaterpädagogin Simone Neubauer seinen
Auftakt. Erstmals begegneten sich die künstlerischen Leiter der vier Theater sowie die dazugehörigen Pädagogen.
In enger Zusammenarbeit mit Schulen - in, Dresden ist es das Dreikönigsgymnasium - wollen die Theater Jugendlichen
im Alter von 13 bis 16 einen künstlerisch adäquaten Rahmen für ihre Lebensrealitäten und ihre Utopien schaffen.
Es stehen die jeweils national erarbeiteten Inszenierungen zum Thema "Welt der Wirklichkeiten' bzw. Welt der
Möglichkeiten' auf dem Spielplan. Zeit für Arbeitsaustausch und Freundschaften sollen mehrere internationale
Treffen und Festivals bieten. Realisiert werden kann die Werkstatt durch die Jürgen Ponto-Stiftung, bedarf
aber weiterer Förderung und Unterstützung.
Zum Abschluss der Theaterwerkstatt im Jahr 2006 ist in Dresden ein internationales Sommercamp "Utopia'
geplant, bei dem „das Zusammenleben und -arbeiten der Jugendlichen eine modellhafte Rolle für europäisches
Miteinander zukommt“, so der Intendant des TJG, Dietrich Kunze.
Sabine Jelinek
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SZ 21. 09. 2004
Von Sehnsüchten erzählen und gemeinsam spielen
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Noch wird gebaut am Haus Europa.
Und es ist ein verdammt langer Weg, bis es einmal stehen und von Leben erfüllt
sein wird. Beleben werden es auch diejenigen, die heute noch die Schulbank drücken. Sie haben die Chance, manchen
Fehler der Eltern und Großelterngeneration nicht zu wiederholen. Ängste und Missverständnisse im Umgang miteinander
entstehen oft, weil man sich nicht kennt. Doch das ist änderbar.
Gestern fiel der Startschuss zum Projekt "Werkstatt Europa“ mit Jugendlichen aus vier Nationen. Es läuft über
zwei Jahre. Die Mädchen und Jungen im Alter zwischen 13 bis 16 Jahren kommen aus der Tschechischen Republik,
Polen, Großbritannien und Deutschland. Angeleitet von professionellen Theatermachern setzen sie sich spielerisch
mit ihren Träumen und Sehnsüchten auseinander.
Es geht zunächst darum, dass sie ihren Alltag danach befragen, wie er ist und dann, wie er sein könnte.
Daraus wird ein Stück, sagt Dietrich Kunze, Intendant des Theaters Junge Generation (TJG). Das TJG ist
der Initiator von „Werkstatt Europa“, die von der Jürgen Ponto-Stiftung zur Förderung junger Künstler zu
50 Prozent finanziert wird.
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Theater macht den Weg zu Träumen frei
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Für das TJG ist es nicht das erste Projekt dieser Art. Auch bei "Spurensuche“ erarbeiteten - unter Anleitung der
Theaterleute - Schüler aus Dresden, Wroclaw und Ostrava Stücke, mit denen sie dann durch ihre Länder tourten.
"Theater macht den Weg frei zu den eigenen Träumen“ sagte einst der große Theatermann Max Reinhardt. Dieser Satz könnte
auch über dem Theaterprojekt stehen. Und träumen würden Jugendliche durchaus gerne, meint die künstlerische Leiterin
von „Werkstatt Europa“ Simone Neubauer. So war die Reaktion auf die Ausschreibung entsprechend groß. Und zwar
in allen vier Ländern. Viele Schüler begründeten ihre Bewerbung damit, dass sie sich mehr Kommunikation zwischen
den Völkern wünschten und im Projekt dafür eine Möglichkeit sehen. Schnell fanden sich auch Künstler, die mitarbeiten
wollten.
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Sommercamp zum Stadtjubiläum
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In jedem beteiligten Land erarbeiten jetzt Schüler einer ausgewählten Schule zwei Stücke. Schon im November gibt es ein erstes internationales Arbeitstreffen. Im nächsten Sommer werden die ersten lnszenierungen bei einem Festival vorgestellt. 2006 soll dann in Dresden das Theatersommercamp“ Utopia - der theatrale Versuch eines interkulturellen Miteinanders“ mit Aufführungen, Performances und Ausstellungen stattfinden.
Zuschauer sind dabei erwünscht, denn die Organisatoren sehen das Camp als erfrischenden Farbtupfer im großen Programmangebot des 800-jährigen Stadtjubiläums. Die Schüler werden von Gemeinsamkeiten und Unterschieden berichten, und davon, wie sie sich über Grenzen hinweg verstehen. Ganz so, wie man sich das für das Haus Europa wünscht.
Monica Dänhardt
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Presseninformationen bei Ulrike Leßmann
ulrike.lessmann@yet2006.net
Telefon: 040 31795157
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